Konzept Schreibwerkstätte
in der HS Bernstein
Thema: Geschlechterrollen

Konzept Schreibwerkstätte in der HS Bernstein - Thema: Geschlechterrollen

Die mexikanische Malerin Frida Kahlo, die zu Beginn ihrer künstlerischen Laufbahn im Schatten ihres Lebensgefährten Diego Rivera stand und sich mit der Zeit zu einer eigenständigen Künstlerin entwickelte (obwohl die Bindung an Rivera teils obsessive Züge annahm; ständiges Thema Kahlos sind Selbstporträts, in denen großer seelischer Schmerz, auch physische Verletzung - durch einen schweren Verkehrsunfall in ihrer Jugend war Frida Kahlo zeitlebens Invalidin - dargestellt werden), leitete um 1950 eine Malerklasse auf der Hochschule "Esmeralda" in Mexikostadt. Ein Schüler zitiert sie folgendermaßen:

"… since I'm always learning. It is certain that to paint is the most terrific thing that there is, but to do it well is very difficult, it is necessary to do it, to learn the skill very well, to have very strict self-discipline and above all to have love, to feel a great love for painting… with me you will paint everything you want and feel. I will try to understand you the best I can. … We will surely talk a lot about some theoretical question or another, of the different techniques used in plastic arts, of form and content in art, and of all those things that are intimately related to our work…"

Für mich selbst als Leiterin einer Schreibgruppe ziehe ich daraus die Lehre -
mich selbst als ständig lernend zu zeigen; die Liebe zum kreativen Tun zu vermitteln; behutsam zu lenken, aber in jedem Fall den Arbeiten meiner Schützlinge mit großem Respekt zu begegnen.

Frage der Autorität
Ich möchte mit "du" und meinem Vornamen angesprochen werden; ein möglichst ungekünsteltes Gleichheitsverhältnis soll hergestellt werden. Gleichzeitig möchte ich Anlaufstelle sein - und sanfte Anleiterin, Input-Geberin, Reflektorin.

Einstieg in die Einheit
Jede Einheit beginnt mit etwas, das ich "clearing" nenne: dem Aberzählen des Tages. So wird die nötige Ruhe hergestellt, um das Hirn von Resten zu befreien, die belasten, beschäftigen, vielleicht blockieren. Hast du dich heute geärgert? Hast du dich gefreut? War etwas besonders spannend oder besonders fad?
Gleichzeitig fördert dieser Zugang das genauere Hinschauen auf das eigene Erleben, das ja schließlich in erster Linie das Material für die Schriftstellerin, den Schriftsteller ist.

Umfassende Kreativität
Ich gehe davon aus, dass Kreativität eine grundsätzlich positive, schöpferische Kraft ist, die ein Mensch als Baustein seines Wohlseins braucht. Kreativität äußert sich mannigfach: auch ein gelungenes Gespräch, an dem man gemeinsam mit seinem Gegenüber baut, ist kreativ.
Kreativität kann durch bestimmte Inputs angeregt werden: für meinen eigenen Weg als Künstlerin war der Besuch eines Tanzimprovisations-Workshops bei den Wiener Tanzwochen vor mittlerweile zehn Jahren von enormer Bedeutung - ich habe dabei gelernt, zu schauen, verschiedene Blickwinkel einzunehmen, mein Schauen in das Medium des Schreibens umzusetzen.
Als Input wichtig ist die Konfrontation mit Ideen, in Form von gesprochener Vermittlung oder von Kunst.

In der Gruppe werden wir also auch mit Elementen der Bewegungsimprovisation arbeiten, wir werden Sprachkritik betreiben, das heißt uns kritisch mit Medien, mit Zeitungstexten, Werbung, Fernsehen und Film auseinandersetzen und uns fragen, welche Mechanismen durch Medien übermittelt werden. Was bedeuten all diese Bilder für mich als Mädchen, als Buben, als Mensch?

Rückhalt
Ich möchte ausdrücklich um den Rückhalt des Lehrkörpers bitten. Kreative Prozesse zu steuern ist schwer möglich und zum Teil auch nicht wünschenswert.
Es kann sein, dass Dinge hochkommen, die im ersten Augenblick unangenehm, ja geradezu skandalös sein können. Das ist mein Ziel in der Schreibgruppe: nicht einen gefälligen Text zu produzieren, sondern jedem und jeder in der Gruppe die volle Ausdrucksmöglichkeit seiner und ihrer Gefühle zu geben. Gerade die Frage nach den Rollen der Geschlechter ist bis heute eine brisante, ungelöste Frage - und wir alle werden täglich geradezu beworfen damit, wie wir als Frau, als Mann zu sein haben.
Der Satz "des ghört si ned" hat in einem kreativen Prozess nichts verloren.
Ich gebe Ihnen folgendes Beispiel.
Haben Sie, wenn Sie ehrlich sind und tief in sich hineinblicken, sich schon einmal gewünscht, zu sterben?
Ich kenne dieses Gefühl sehr gut aus meiner persönlichen Erfahrung. Durch die Beschäftigung mit Literatur, durch mein eigenes Schreiben, durch das Zusammensein mit guten Freunden sehe ich dieses Ding in mir, diesen Zustand deutlicher. Solche Sachen, Sichtweisen, Zugänge können in einem kreativen Prozess genauso hochkommen wie Freudvolles, Liebevolles und Überschäumendes. Die Welt ist kein rosa Ort, und schon gar nicht ist es die Seele eines jungen Menschen. Allerdings bietet nichts mehr als der kreative Prozess die Möglichkeit, auch mit den dunklen Seiten des Menschen umzugehen.

Abklingen
Wieder - aus eigener Erfahrung: Es ist wichtig, eine Phase des Übergangs von der Kreativität in den Alltag zu schaffen. Im Extremfall gleicht ein kreativer Rausch einem Drogenrausch, und das "Herunterkommen" kann erschöpfen und deprimieren.
Deshalb möchte ich die Arbeitseinheit mit Entspannungsübungen ausklingen lassen: gemeinsames Landen nach schöpferischen Höhenflügen.

… ein paar Methoden
sich beschäftigen mit Frauen und Männern, die aus der Rolle fallen - sowohl theatralisch als auch schreiberisch. Ein gutes Beispiel ist "Calamity Jane" - wir können damit beginnen, ein paar Szenen aus dem Lucky-Luke-Band über sie nachzuspielen, dabei die Situationen leicht verändern, Rollen tauschen … und selber Szenen schreiben.

Frauen und Männer einladen, die aus der Rolle fallen - ihnen Fragen stellen, sich Szenen aus ihrem Leben erzählen lassen; diese Szenen schreiben. Zum Beispiel: ein mit mir befreundeter Kindergärtner, der aus Sankt Petersburg nach Österreich ausgewandert ist; eine Technikerin; ein Hausmann usw.

Experimente in der Art, wie sie Augusto Boal (Brasilien) mit seinem "Theater der Unterdrückten" gemacht hat - zum Beispiel sein Zeitungstheater: Arbeiten mit Zeitungstexten, er nennt das "Rhythmisches Lesen", "Gekoppeltes Lesen" (durch die Gegenüberstellung von Meldungen in ein und derselben Zeitung erscheinen die einzelnen Meldungen in völlig neuem Licht), "Improvisierendes Lesen" (man stellt eine Meldung szenisch nach, wobei man alle möglichen Varianten und Nuancen berücksichtigt) usw.

Synthese
Der tatsächliche Text wird sich erst in der Arbeit mit der Gruppe herauskristallisieren. Gemeinsam werden wir entscheiden, was wir aus unseren "Forschungsreisen" in die Welt der Sprache, der Bilder, in die Welt von uns selbst hineinnehmen in einen Text, den wir herzeigen wollen.

Verwendete Literatur:

… nur eine kleine Auswahl! Alles fließt ein, wird besehen, verwendet…

Augusto Boal: Theater der Unterdrückten. Übungen und Spiele für Schauspieler und Nicht-Schauspieler. Suhrkamp 1989.
Angela Goddard, Lindsey Mean Patterson: Language and Gender. Routledge 2000.
Andreas Güthler, Karin Lacher: Naturwerkstatt Landart. AT 2005.
Thomas Kaltenbrunner: Contact Improvisation. Meyer et Meyer 1998.
von dingen, urwälder...