Schriftstellerin sein,
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ein Zwischenstand; geschrieben in
großer Unruhe
Eigentlich funktioniere ich nicht, und etwas ist anders als ich, und stärker. Es kommt über mich und drängt sich mir auf und nimmt mich in Besitz. Ich bin nämlich eine Faulheit. Ich bin wie das Faultier mit dem faulen, grauen Auge und den Pfoten, die sich festhalten. Romane zu schreiben ist wohl eine Meisterschaft. Ich habe noch keinen Roman geschrieben. Ich bin zu sprunghaft in meiner Wohnung, viel zu sehr springe ich herum in meiner Wohnung. Ich kann nur eruptiv und in Ausbrüchen und wie ein Vulkan kann ich denken, und dann bin ich erschöpft, dann geht nichts, oder sehr wenig, und was ich dann schreibe, wirkt nicht für mich. Dann muss ich auf den nächsten kleinen Ausbruch warten. Dabei sind die Zusammenhänge in meinem Hirn wohl da. Ich sehe die Netze sich weben, sie entstehen sozusagen zum Hingreifen vor meinen Augen, und ich eile und eile und glaube, wenn ich es nicht sofort hinschreibe, ist es nicht mehr wahr und stimmt nicht. Dabei ist das wieder falsch, und ich merke das, weil es mir gelungen ist, bereits fünf Minuten vor dem aufgespannten Laptop zu sitzen. Manche meiner Eruptionen sind gemein. Ich versuche immer die Korrektheit im Fühlen; ich denke immer, dass Durchhänger die Hölle sind; ich versuche also zu fühlen auf Teufel komm heraus, und dann kommen also auch diese kleinen Eruptionen, und Aber lassen wir das. Ich bin eben Fragment. Ich bin auch keine Intellektuelle, eigentlich. Man kann mich nicht anrufen und einen profunden Kommentar zu einem tagespolitischen Thema erwarten. Man kann höchstens das Glück haben, zufällig dasselbe gelesen zu haben wie ich, und ein bisschen Meinung habe ich dann durchaus dazu. Aber die Festgeschriebenheit, ich weiß nicht, ob das meins ist, es ist mir unmöglich, zu sagen: so, jetzt beschäftige ich mich einmal mit Kant, und dann sich hinsetzen und also Kant lesen einen nach dem anderen, das ist mir völlig unmöglich. Ich bin eigentlich eine Zerreißerin und Zerfleischerin von allem. Ich baue Ehrfurcht ab. Ich habe in meinem Leben schon zuviel Ehrfurcht gehabt. Ich war einmal, als ich neun Jahre alt war, auf einer Papstmesse in einem freien Feld und habe versucht, Ehrfurcht zu fühlen. Der Papst Johannes Paul der Zweite hat dann meiner Mutter, die auserkoren (per Los, glaube ich) worden war, eine Hostie auf den Mund gelegt, es gibt ein Foto davon, beide im Profil, Karol Wojtyla blickt also meine Mutter an und da ist irgendwie Ehrfurcht passiert, denke ich, von seiten meiner Mutter. Ich habe mir irgendwie auch pathetisch Ehrfurcht antrainiert, aber es geht nicht mehr, ich sehe überall Menschen und Menschen. Und manchen Menschen gelingt ein Überbau und ein System, und in diesem System bewegen sie sich dann, manche werden weise an ihrem System, so wie eine Kletterpflanze sich eine Mauer bezwingt und dabei grün bleibt, so erringen sich diese Menschen das System und werden grünschnäblig weise, ich denke nämlich, die Weisheit hat auch mit der Einfachheit zu tun, irgendwie, und es gibt da im übrigen einen Mann, den ich sehr liebe, der hat auch eine Art dieser kindlichen Weisheit an sich, allerdings und ich liebe also und liebe, und es bleibt bei diesem Schriftstellerinnenschicksal, dass nämlich die Schriftstellerinnen, glaube ich, so sieht es zumindest aus, nicht diesen "Mann an ihrer Seite", einen Partner haben können, der ihnen einmal etwas wegräumt und dem sie aber auch an den Abenden oder an den Morgen, vielleicht haben sie ja beide Zeit zum Frühstücken inklusive weichem Ei, Sachen zeigen können: und der große Punkt, das, was ich so gerne möchte: nämlich dass der Mann das mit der Schriftstellerin diskutieren kann. Auf eine Art, die sie nicht vereinnahmt. Er soll schätzen, was sie macht, und sich schätzend damit beschäftigen, das wär was. Sie wäre dann auch ein bisschen Kletterpflanze. So aber ist das alles ganz anders. Ich bin Fragment. In letzter Zeit habe ich gelernt, in einer gewissen Ruhe-auf-dem-Sprung auf die Fragmente in mir zu reagieren. Ich trage also die Fragmente in mir herum, jeder Tag ist ein Sammelsurium an Augenblicken, die passieren nacheinander, und ich versuche, mich offenen Herzens und in Ruhe durch diese Augenblicke zu tragen. Was nicht so einfach ist, ich kann ja zuhause nicht schreiben, andauernd fährt mir etwas dazwischen, ich springe auf, ich kann mich nicht konzentrieren. Und weil ich in letzter Zeit beschlossen habe, auch nicht mehr an Gott zu glauben, weil ich es für ein Verpuffen von Energie halte, nach oben zu beten, wenn man doch auch in die Horizontale beten kann, nämlich in der Offenheit zu den Mitmenschen, ja, weil ich das alles jetzt anders glaube, glaube ich auch, dass an Feng Shui was dran ist. Auf eine ganz normale Weise. Dass die Chinesen und Chinesinnen etwas Elementares verstanden haben. Ich glaube, der Energiefluss ist nur eine Metapher für Raumgefühl. Bei meinem Raumgefühl ist etwas am Hapern. Ich tigere in meiner Wohnung herum und bin da nicht zuhause und fühle mich furchtbar allein. Ich verbringe also viel Zeit damit, von einer fremden Wohnung in eine andere zu fahren und dort so zu reden mit meinen Freunden, dass es stimmt. Dabei sind auf den Fahrten manchmal die Worte da, dann zerre ich mein Heft brutal aus der Tasche und lasse ein paar Wörter auf den Seiten, Fragmente allemal. Meine Freunde sind aber großartig. Jeder meiner Freunde ist großartig und sein eigenes Terrarium und Geographie, jeder Freundeskörper und Freundesgeist und die Seelen von ihnen sind große, gebeugte, geschüttelte und zerknitterte Landkarten, sie sind die Schemen und meine Städte und Länder. Manchmal bin ich also in der Nähe dieser Freunde zuhause. Das quälende Alleinsein, vielleicht entspringt aus dem auch irgendwas, ich weiß es nicht. Man lernt nur aus dem Geschehen, deswegen muss ich andauernd irgendwo sein, ich lerne kaum aus Büchern, beziehungsweise: ich lese Bücher aus lauter Liebe, ich schaue diese Wortketten an und ich liebe die Wörter und hinter den Wörtern liebe ich und leide ich mit den Schicksalen. Ich glaube, dass alle Menschen ein Splitter von etwas Ganzem sind, beziehungsweise dass wir alle etwas Gleiches haben, das über die neunzig Prozent Wasser hinausgeht in unseren Körpern. Die Wörter überfallen mich, und dann kann ich nicht anders. Und dann geht auch Form nicht. Ich bin sehr schlecht im absichtlichen Erzeugen von Form. In Kurzgeschichten gelingt mir die Erzeugung von Form, das Verweben von zwei Erzählsträngen ineinander zum Beispiel, aber bei Gedichten kommt alles von innen, aus einem Rhythmusgefühl, und ich kann das überhaupt nicht beurteilen. Gleichzeitig bin ich Exhibitionistin, und zwar warm und kalt zugleich, hart und weich zugleich. Ich darf doch zumindest von mir behaupten, dass ich Schriftstellerin bin, das ist eine von diesen Sicherheiten. Wobei mir das eben alles zustößt und ich es nicht aktiv verfolge, ich kann mich ja nicht vier Stunden täglich hinsetzen und einen Roman schreiben. Dazu kommt gleich ein Exkurs, aber später; zuerst: also in manchen Herzgegenden mache ich dann einen Schritt zurück und sehe alles an als Schriftstellerin. Die weiß, dass sie zu bannen hat. Sie sieht alles an wie eine Verschluckende und eine Einfangende. Es sind die Traumfänger, die sie in der Federschachtel liegen hat. Und die Leute sind so arglos und machen so arglos ihre Leben. Sie bauen ihre Häuser und denken sich nichts dabei, und unterbewusst kommt dann in den Häusern, den Außenhäuten, ihr Leben durch und wie sie es sich denken. Und ich komme dann vorbei, so als Schriftstellerin, und ich denke: ein Schritt zurück, und ich sehe in dein Leben. Und wie ich darüber schreiben können werde, einmal, ein Fragment vielleicht bloß, da wirst du Augen machen. Und das ist sehr kalt. Ich bin dann nicht mehr die Aufpasserin auf dich. Ich kann dann nur mehr bedingt zur Verantwortung gezogen werden. Ich muss dann über dich schreiben, und wie dein Leben ist, und das wird dir vielleicht wehtun. Aber vielleicht muss das so sein. Und gleichzeitig liebe ich das Gleiche in dir, über die neunzig Prozent Wasser drüber, das, was dann noch kommt, irgendwo zwischen deinen Zehen und deinem Scheitel. Also bin ich selbst in meinem Außensein aus dir für dich verantwortlich in meiner Liebe zu dir. Und ich schreibe alles für dich, und ich reiße die Wörter auseinander für dich. Du solltest das vielleicht irgendwann lesen. Und Dinge müssen gesagt werden. Ja, und ich habe gesagt, die Dinge sind mir zugefallen. Ich habe nichts gewählt. Aber ich war sehr viel allein als Kind, und das mag irgendwie mitgetan haben, ich habe gelesen und mich beim Lesen eigentlich auch allein gefühlt, weil ich vielleicht das Mitgefühl noch nicht gehabt habe, das man mit der Zeit hoffentlich entwickelt und das erst allein das Lesen zu einem großen Erlebnis macht. Ich müsste mich zum Karrierebasteln als Schriftstellerin erst aufraffen. Ich bin irgendwie am Herumsprühen, und dann kommen Leute auf mich zu, denen das gefällt, weil ich in ihrer Gegenwart einmal herumgesprüht habe, und ermöglichen mir das Büchermachen, und so ist das am Wunderschönsten. Ich bin keine Karrierebastlerin, ich bin eine faule Sau. Und damit vielleicht und dass ich mich in kein System, und schon gar kein Männersystem, einklinken will, hat zu tun, dass ich mir das Geldverdienen schwer vorstellen kann. Gott sei Dank bekommt man manchmal über zweihundert Euro für eine Lesung, auf einen Schlag. Ich könnte zum Beispiel schon Werbetexte machen, aber ich würde mir dabei wahrscheinlich eine schwere Gastritis einschreiben, oder zumindest eine permanente Flauheit, und ich habe schon genug Flauheit in mir, ich brauche nicht auch noch die Werbeflauheit, zum Beispiel diese idiotische Eduschowerbung, die eine Sünde ist, weil sie nämlich sagt: Jede Woche eine neue Welt. Das ist eine hektische Lüge, und sie widerspricht dem Kaffee, der eigentlich Pause sein sollte und auf gar keinen Fall beschwört die heile Eduschowelt die Energie einer neuen Welt hoch. Ich fürchte nämlich, dass die neue Welt von Eduscho eine sehr einsame Welt ist, und das jede Woche. Ich bin auch nicht für Journalismus zu haben. Ich beherrsche die Wörter nicht, sie beherrschen mich. Ich lese kaum mehr eine Zeitung. Manche Artikel nehme ich in mich auf, oder sagen wir, ich beschäftige mich mit ihnen. Aber ich schlage eine Zeitung auf und sehe, dass man mir Dinge in Form von Geschichten vermitteln will, und mir wird übel. Ich will mir von einer Zeitung keine Geschichten erzählen lassen. Dabei ist so eine Zeitung eigentlich ein Splitterbuch, wenn man so will. Auch ein Bilderbuch. Eigentlich zieht so eine Zeitung jemanden durch einen Tag, eine Zeitung ist wie ein Greißlerladen. Aber dann kommen sie mit diesem Anspruch, die Presse hat den großen intellektuellen Anspruch, und ich kotze auf diesen Anspruch, auch Politiker sind Menschen, und ich habe kein Interesse an Kasperltheater, und bitte, gerade die Presse, die Presse titelt mit Schlagzeilen wie dieser: "Fluchtwelle: Spanien ruft um Hilfe". Das Tagesgeschäft zieht oft an mir vorbei. Und ich greife und greife auf glatte Steine und rutsche und rutsche immer wieder ab. Ich brauche das Schräge. Auf dem Geraden kann ich nicht gehen. So bin ich eine Fragmentnomadin im Augenblick. Und ich fürchte mich davor, dass ich einmal in einer Gesittetheit lande und in einer Welt, in der man ohne Terminkalender nichts mehr tun kann. Vielleicht gehe ich deswegen meistens mit Männern, die entweder weit weg sind oder eigentlich einer anderen Frau angehörig, wie auch immer man das ausdrücken will. Obwohl: ich hätte ja so gerne diese Gespräche am Küchentisch, und zwar so zufällige Gespräche und zufällige Küsse, das könnte vielleicht so eine kleine Normalheit sein, die mir vorstellbar ist, ohne dass ich Angst habe. Ich würde sogar sagen, dass ich mich danach sehne. Aber mit der Liebe ist das so ein Ding. Sie passiert selten. Wie auch immer, ich habe noch einen Exkurs versprochen: hier also der Exkurs, dass ich nämlich doch ein Buch geschrieben habe, über Sankt Petersburg. Da habe ich täglich fünf Seiten geschrieben. Das hat zwar nicht vier Stunden gedauert, aber immerhin. Einmal hat es also schon geklappt. Und es wird schon wieder klappen. Was anderes kann ich nämlich nicht. Und dass ich eine gute Schriftstellerin bin, das weiß ich, wenn ich auch da und dort schlampig arbeite bzw. ich mich überkommen fühle und schreibe und also gar nicht diese Kontrolle über meine Texte ausübe, auch nicht die nachträgliche. Das heißt, die intellektuelle Kontrolle meiner Texte ist auf bewusster Ebene nur sehr schwach da. Ich arbeite nach Gespür und freue mich an den Resultaten, schäme mich aber des geringen Aufwands, des Überkommenseins, schäme mich an der Unfähigkeit zur zusammengehängten Arbeit, wirklich also Arbeit, meine Arbeit tut mir ja nicht weh, im Gegenteil, ist Notwendigkeit, und ich kontrolliere meine Texte nur spärlich. Aber das wird jetzt wieder endlos, ich kontrolliere ja schon wieder nicht, ich hör jetzt auf. Punkt. |
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